„Die Aktienkultur in Deutschland muss vorankommen“

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Interview mit Marc Tüngler, Hauptgeschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertbesitze e.V.

Die Aktienkultur führt in Deutschland nach wie vor ein echtes Schattendasein. Das kostet den hiesigen Sparer Renditechancen in Milliardenhöhe. Nach wie vor ist das liebste Kind der Deutschen die verzinsliche Anlage. Auch wenn die Sparer aktuell bangen müssen, ob sie zukünftig überhaupt noch Zinsen für ihr Erspartes erhalten, belassen sie es lieber im vielzitierten „sicheren Hafen“.

Über zwei Billionen Euro parken sie laut Deutscher Bundesbank trotz anhaltender Niedrigzinsphase in oftmals unrentablen Anlageformen. Marc Tüngler, Hauptgeschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz e.V., zeigt, warum Aktien gerade für die Altersvorsorge von elementarer Bedeutung sind und warum hiesige Anleger über ein Engagement in Aktien nachdenken sollten.

Aktien sind als Anlageform in Deutschland nicht eben beliebt. Gibt es dafür tiefergehende Gründe?
Leider stimmt es, dass der Kauf von Aktien und auch Aktienfonds für viele Bundesbürger selbst in Zeiten extrem niedriger Zinsen kaum vorstellbar ist. Gerade einmal 11 Prozent der Deutschen besitzen Aktien.
Ein Blick zu unseren Nachbarn, den Niederländern, zeigt ein anderes Bild: Dort haben 30 Prozent der Bevölkerung – also knapp jeder Dritte – Aktien im Depot. In der Schweiz sind es immerhin noch 20 Prozent. Hierzulande hält das Gros der Privatanleger die Beteiligung an Unternehmen nach wie vor für hochriskant und spekulativ. Deshalb liegen auch rund 80 Prozent des deutschen Geldvermögens entweder in Spareinlagen oder in Renten- und Lebensversicherungen. Diese Anlageformen bieten jedoch nicht die Renditechancen wie Aktien oder Aktienfonds. Mit Blick auf die anziehende Inflationsrate bei gleichzeitig auf niedrigem Niveau verharrenden Zinsen eine verehrende Entwicklung. Hier findet Jahr für Jahr eine reale Vermögensentwertung statt.

Welche Gründe sehen Sie für die skeptische Haltung gegenüber Aktien?
Es gibt viele Gründe. Neben den wenig erfreulichen Erfahrungen aus den Zeiten des Neuen Marktes spielt da sicher auch das von einigen Meinungsbildnern aus Politik und Medien gepflegte Bild des Aktionärs als skrupelloser Spekulant eine Rolle. Leider führt dies dazu, dass die Erträge und damit ein großer Teil der Wertschöpfung deutscher Unternehmen in Form von Dividenden und Kurssteigerungen in die Taschen ausländischer Investoren fließen.
Wenn also die deutschen Unternehmen in diesem Jahr erneut eine Rekordsumme an Dividenden ausschütten, und danach sieht es ja aus, wird der Großteil des Geldes nicht bei den hiesigen Sparern ankommen.

Was müsste getan werden, um hier ein Umdenken herbeizuführen?
Die Regulierung müsste ein Stück weit gelockert werden. Das Ziel, Anleger vor unüberlegten Entscheidungen und unangemessenen Vertragsgestaltungen zu schützen, ist richtig, zieht aber Einschränkungen der Vertragsfreiheit nach sich, die es im Anlegerbereich deutlich erschweren, Chancen aktiv zu nutzen. Dies schon deshalb, weil sich in der Kapitalanlage eine zunächst irrational erscheinende Entscheidung schnell als genau die richtige herausstellen kann. Damit Anleger die Chancen an den Kapitalmärkten nutzen können, sollte Anlegerschutz darauf gerichtet sein, Informationslücken zu schließen und Interessierte in die Lage zu versetzen, sich ein möglichst umfassendes Bild über Risiken und Chancen einer Kapitalanlage machen zu können.
Aktuell ist es leider so, dass die Anlage so weit von Risiken befreit werden soll, dass Anleger, aber auch Berater fast keine Auswahlmöglichkeit mehr für risikobehaftete Anlagen, wie Aktien, haben. Eine gefährliche Entwicklung, nicht zuletzt weil vor allem ein Engagement in Aktien langfristig helfen kann, benötigte Renditen auch für die Alterssicherung zu erwirtschaften.

Das klingt wenig optimistisch…
… dabei sprechen die Renditechancen von Aktienengagements klar für sich. Die Ertragskraft, die Aktienengagements entfalten können, ist insbesondere für langfristig orientierte Anleger von elementarer Bedeutung. Ein gangbarer Ausweg im Bereich des Anlegerschutzes könnte sein, dass Anleger freiwillig auf Teile der Schutzmechanismen, wie Beratungsprotokolle oder Produktinformationsblätter, verzichten. Doch leider hat die Aktienkultur hierzulande nicht nur mit dem Justiz- und Verbraucherministerium zu kämpfen. Auch das Finanzministerium ist nicht hilfreich, wenn es darum geht, die Wertpapierkultur in Deutschland zu fördern. Das zeigt sich etwa anhand der wiederkehrenden Diskussion über die Abschaffung der Abgeltungssteuer auf Dividenden zugunsten der Besteuerung mit individuellem Steuersatz. Dabei liegt hier keineswegs eine Gerechtigkeitslücke vor. Vielmehr findet schon heute bei der Ausschüttung an die Eigner, sprich die Aktionäre, eine doppelte Besteuerung statt. Erst auf Unternehmensebene und dann nochmal mit der Abgeltungssteuer beim Anleger.

Was würden Sie raten?
Mit Blick auf die niedrigen Zinsen, die zu immer mehr Unmut in der Bevölkerung führen und die demografischen Probleme der gesetzlichen Altersvorsorge ist die langfristige Investition in Aktien oder Aktienfonds die perfekte Lösung. Diese Erkenntnis muss sich auch in der Politik verfestigen, um so eine mündige Aktienkultur in Deutschland voranzubringen.